Im Centre Culturel Vernissage
Dezember und Januar 2000/2001

 

Der letzte Raum einer Vision

Mit welcher sich Heinz Julen vom Into-the-Hotel Projekt in Zermatt verabschiedet.

Heinz Julen wurde 1964 in Zermatt geboren. Er verbrachte mit seinen Eltern und drei Schwestern eine glück­liche Jugend, meist oberhalb von Zermatt auf 2100 m ü.M. in Findeln. Als 16-Jähriger fing er an, sich dort oben sein erstes Atelier zu bauen. Als Autodidakt machte er dort seine ersten Erfahrungen am Bau und im Möbeldesign. Später folgten Skulptu­ren und schliesslich die Malerei. Mit 18 Jahren zog es ihn für ein Jahr an eine Kunstgewerbeschule nach Sitten. Danach verzog er sich in sein Bergatelier. Es folgten verschiedenste Aus­stellungen im In- und Ausland, bis im Herbst 1990 sein Elternhaus im Dorfkern von Zermatt niederbrannte. Dies sollte der Startschuss verschiedenster Projekte in Zermatt werden. Heinz konzentrierte sich nun intensiv auf neue Ideen und Konzepte. Er reali­sierte seine Projekte unkonventionell und einzigartig — von der Planung über die Realisation der Bauten bis hin zur Inneneinrichtung stammt alles von ihm und seiner Crew. So entstand als Erstes aus der Brandruine 1992 das Vernissage, ein Kulturzentrum mit Kino, Konzertsaal, Kunstgalerie und Bars. Kurz darauf, im Frühling 1992, entstand aus der alten Jugendstil­ Bahnhofüberdachung, welche abge­rissen wurde, am Dorfende sein 2. Atelier. Es bot genügend Platz für seine Crew, die mittlerweile auf 7 Festangestellte gewachsen war.1993-1994 entstand das View House; 4 luxuriöse Appartements, die wochenweise inklusive Service an Gäste vermietet werden.

1995 kaufte sich Heinz den Bauplatz, auf dem heute das INTO THE HOTEL steht. Von da an konzentrierte er sich fast ausschliesslich auf seine grosse Vision: ein einzigartiges Hotel auf ei­nem Felsen hoch über Zermatt, durch einen Stollen erreichbar. Es sollte eine in sich geschlossene Welt darstellen, mit allem ausgestattet, was Geist, Leib und Seele sich wünschen können.

Auf diesem harten Weg zur Realisation musste Heinz 1997 ein altes Haus (1818) erstehen, um den Zugang vom Dorf her über einen Stollen direkt ins Hotel zu sichern. Dieses Haus baute er noch im selben Jahr in ein Restau­rant um. Im Herbst 1997 eröffnete er dieses unter Mithilfe von Enzo und seiner Schwester Vrony. Das Restaurant ENZO VRONY wurde zu einer tollen Visitenkarte für das noch zu er­stellende Hotel INTO. 1998 wurde es vom amerikanischen Conde-Nast-Traveler als eines der 50 besten, neuen Restaurants weltweit ausgezeichnet. Im Frühling 1998 fing Heinz nach zähen Verhandlungen mit Behörden, Nach­barn etc. die Bauar­beiten im INTO an. Da das Projekt eine grösse annahm (22 000 m3 überbaute Fläche), die für Heinz alleine nur schwierig zu bewältigen gewesen wäre, entschloss er sich, einen Partner ins Hotelprojekt einzubeziehen, mit dem er über Jahre eng befreundet war und welcher sich spontan aner­bot. Sie gründeten zusammen eine AG und vereinbarten eine 50%ige Beteiligung beider Partner.
Mit der Familie Schärer (USM Münsingen), allen voran Sohn Alex, schien sich ein idealer Partner gefunden zu haben, welcher das Verständnis für eine völlig unkonventionelle Arbeits­weise sowie die Vision für dieses Pro­jekt mittrug. Heinz sollte nun zwei sehr schwierige Jahre vor sich haben. Die Baustelle erwies sich als äusserst anspruchsvoll. Die Art und Weise, den Bau wie eine Skulptur aus sich heraus entstehen zu lassen, war sehr komplex. Bis zu 200 Leute folgten sei­nen persönlichen Anweisungen auf dem Platz. Ferner begann er während der Hotelbauphase aus logistischen Gründen, hinter dem Hotel zwei Per­sonalhäuser zu bauen. Auf Wunsch seines Partners wurde Heinz ein eidg. dipl. Baufachmann zur Seite gestellt, der während der gesamten Bauphase für die Baukontrolle und die finan­zielle Überwachung des Projektes zuständig war. Nach grossem Zeitdruck und überdurchschnittlich frühen Wintereinbrüchen schaffte er es, das INTO THE HOTEL mit 2-monatiger Verspätung an seinem 9. Geburtstag, dem 29. Februar 2000, unter riesi­gem Erwartungs­druck der Öffentlichkeit vorzustel­len. Obwohl das Hotel baulich noch nicht 1 00%ig abgeschlossen war, erlebte das Projekt seine Feuertaufe grandios und überraschte Publikum wie Fachpresse weltweit. Von der Familie Schärer wurde Heinz wäh­rend der gesamten Projektdauer moralisch und finanziell getragen und am Eröffnungstag mit Komplimenten und Geschenken überhäuft. Alles schien perfekt
Doch dann, kurze Zeit nach der Eröffnung, ist für Heinz eine schier un­glaubliche Situation eingetreten. Heinz wurde vom Publikum und von den Medien immer in den absoluten Mittelpunkt des Projektes gestellt und nun sollte sich herausstellen, dass ihm dies intern zum Verhängnis werden sollte. Nur gerade zwei Wochen nach der Eröffnung wurde Heinz aus dem Projekt ausgeschaltet. Es wurde ihm strikte verweigert, sein Hotelprojekt wie vorgesehen im darauf folgenden Mai 100%ig abzuschliessen, damit das Hotel den Betrieb auf die Sommersaison definitiv hätte aufnehmen können. Kurzerhand engagierte USM einen eidg. dipl. Architekten, der nun das Hotel fertig stellen sollte. Dem Architekten wurde die Aufgabe gestellt, das Haus auf übliche konzep­tionelle und bauphysikalische SIA­ Normen umzubauen, um es dann später eventuell möglichst rasch weiterverkaufen zu können! Was dereinst völlig unkonventionell und wie ein Kunstwerk aus sich heraus gewachsen ist, genau das, was den Erfolg und die grosse Aufmerksamkeit dieses sicher einmaligen Projektes ausmachte, sollte nun auf Normalität getrimmt werden.
Diese Vision, welche unbedingt unique sein sollte, wird nun unter riesigem finanziellem Aufwand abgerissen und neu aufgebaut. Alles nach übli­chen Normen, alles wie schon gehabt. Wie schon so oh in diesem Land hat das Geld über den Geist oder das Konventionelle über das Unkonven­tionelle gesiegt. Es gilt nun noch, Heinz Julens Handschrift aus dem Hotel völlig zu löschen! Für Heinz hat sich trotz allem ein Traum verwirklicht Er konnte seine Vision realisieren. Leider nur für eine kurze Dauer — das Hotel war 7 Wochen offen.

DER LETZTE RAUM EINER VISION ist eine Installation, mit welcher sich Heinz Julen vom Projekt INTO THE HOTEL in Zermatt verabschiedet. Man hätte sich wohl nie träumen lassen, dass er für diesen «letzten Raum des Hotels» Porträts seiner engsten Mitarbeiter sowie von sich selbst malen würde, um sich auf der Ebene der Kunst mit der Beerdigung dieser Vision auseinander zu setzen.